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Hart am Wind: Dänische Windkraftanlagenbauer Vestas rettet seine Offshore-Sparte mit japanischer Hilfe.
neue energie | 11/13 | link | pdf

Mitsubishi Heavy kapert Offshore-Industrie

Die japanische Mitsubishi-Gruppe investiert stark in erneuerbare Energien. Im Joint Venture mit Vestas will Mitubishi Heavy Weltmarktführer für Windkraftanlagen auf See werden.

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Innovationen in der Offshore-Technologie, Investitionen in Übertragungs­netze, Ausbau der Photovoltaik: Unterneh­men unter dem Dach der japanischen Mit­subishi-Marke verstärken ihre Aktivitäten im Zukunftsmarkt erneuerbare Energien - vor allem in Europa.

Gemeinsam mit dem angeschlagenen dänischen Windkraftanlagenbauer Vestas Wind Systems will Mitsubishi In­dustries (MHI) den Offshore-Windmarkt erobern. Geplant ist ein Joint Venture, in dem beide Unternehmen ihre Offshore-Sparten fusionieren und das die Japaner langfristig übernehmen wollen. Es soll im kommenden März an den Start gehen.

MHI gehe es darum, schnell den An­schluss an den wachsenden europäischen Markt zu finden, sagte Jin Kato, Chef des Geschäftsbereichs Erneuerbare Energien bei MHI und designierter Aufsichtsrats­vorsitzender des neuen Joint Ventures, auf einer Informationsveranstaltung zu dessen Bekanntgabe Ende September in Kopenha­gen. Daher habe man sich zur Zusammen­arbeit mit einem Unternehmen entschlos­sen, „das ausreichend Erfahrung in diesem Markt besitzt". Mit dem Windkraftpioniet Vestas habe MHI den „idealen Partner" ge­funden.

Die gleiche Zuversicht strahlte Vestas-Chef Anders Runevad aus: „Das ist ein wirklich wunderbarer Tag für Vestas", sagte der ehemaUge Ericsson-Manager, der erst seit Anfang September die Geschicke des weltgrößten Windrad-Produzenten lenkt. Vestas steckt tief in den roten Zahlen und operiert unter einem rigiden Restrukturierungs- und Sparprogramm. Spekulationen über einen möglichen Verkauf des Unter­nehmens oder den Einstieg eines Investors hatte es schon lange gegeben. Mit MHI war Vestas seit> 2012 im Gespräch.

Jetzt stellen die finanzkräftigen Japaner die planmäßige Weiterentwicklung der Acht-Megawatt-Turbine VI 64 sicher. Mit ihr wollen die Partner ihre strategische Zu­sammenarbeit zum Erfolg führen: Die­se „wegweisende" Technologie werde die Grundlage des Gemeinschaftsunterneh­mens bilden, sagte Runevad. Vestas habe die Großturbine speziell mit dem Ziel ent­wickelt, die Kosten der Windenergienutzung auf See zu verringern. Die Dänen lie­gen derzeit im Offshore-Bereich deutlich hinter Marktführer Siemens.

Sitz des neuen Unternehmens wird Aarhus sein, wo Vestas ansässig ist. Auch der Vorstandsvorsitzende kommt von Vestas: Jens Tommerup ist dort seit 2009 für die Region Asien, Pazifik und China verant­wortlich. Der Aufsichtsrat wird paritätisch besetzt mit Runevad als Katos Stellvertre­ter. Der dänische Beitrag zum Joint Ven­ture umfasst außerdem rund 300 Mitar­beiter, die bestehenden Aufträge für die Offshore-Turbine VI 12 sowie Service­verträge und die weitere Entwicklung der V164-8.0 MW.

MHI finanziert das Joint Venture zu­nächst mit 100 Millionen Euro. Die Part­ner sind anfangs mit je fünfzig Prozent be­teiligt. Wenn es gut läuft, wollen die Ja­paner ihre Anteile im April 2016 auf der Grundlage einer entsprechenden Option auf 51 Prozent aufstocken und weitere 200 Millionen Euro zuschießen. Das noch na­menlose Gemeinschaftsunternehmen war­tet jetzt auf grünes Licht der europäischen und asiatischen Wettbewerbshüter, das bis zum April 2014 gegeben werden soll.

MHI baut seit 1982 Windkraftanlagen an Land, Hauptabsatzmarkt sind die USA. Die Offshore-Windenergie stellt jedoch ei­nen neuen Geschäftsbereich dar. Der Glo­bal Player im Bereich Schwerindustrie in­vestiert stark in Forschung und technolo­gische Entwicklung. Derzeit erprobt er als Partner in einem Demonstrationsprojekt der japanischen Regierung schwimmende Windkraftanlagen vor der Küste von Fu­kushima, die vor allem für Standorte mit großer Meerestiefe wie rund um die japa­nischen Inseln geeignet sind. MHIs Abtei­lung für Offshore-Entwicklung teilte auf Nachfrage mit, dass diese Technologie in Zukunft möglicherweise von dem neuen Joint Venture genutzt werde.

Auch eine weitere Innovation aus dem Hause MHI, die hydraulische „Digital Displacement Transmission" (DDT) - mit einem wesentlich besseren Wirkungsgrad als herkömmliche Hydrauliksysteme - soll dem Gemeinschaftsunternehmen verfügbar gemacht werden. Der Plan sieht vor, DDT in der Turbine VI 64-8.0 MW einzusetzen.

Die Kooperation mit Vestas ermögliche es MHI, „unsere zahlreichen Technologien und unsere Kompetenz in der weltweiten Energieerzeugung" in den europäischen Offshore-Markt einzubringen, sagte Kato. Dem Gemeinschaftsunternehmen prophe­zeite er eine Poleposition im Markt und zeigte sich optimistisch: „Wir sind über­zeugt davon, dass das Joint Venture das Rennen gewinnen wird."

Den Ausbau des Erneuerbare-Energien-Geschäfts bezeichnete der Japaner als eins der wichtigsten Vorhaben seines Unterneh­mens, „um zur Verwirklichung der CO2-armen Gesellschaften der Zukunft beizutra­gen". Den größten Markt sieht MHI zu­nächst in den Nordseeanrainern, vor allem in Deutschland und Großbritannien. Spä­ter soll die Präsenz weltweit ausgeweitet werden. Auch Japan plane, die Offshore-Windkraft verstärkt zu nutzen. Das Land hat 2012, ein Jahr nach der Atom-Katas­trophe in Fukushima, ein Erneuerbare-Energien-Gesetz nach deutschem Vorbild mit einer Einspeisevergütung beschlossen.

Außer MHI investiert auch die Mitsubishi Corporation (MC), ein weiteres unabhängiges Großunternehmen, das Teil der Mitsubishi-Gruppe ist, stark in das eu­ropäische Offshore-Geschäft. Das Han­delsunternehmen hat seit 2012 Anteile an vier deutschen Nordseeleitungen des nie­derländischen Betreibers Tennet erwor­ben: BorWin1 und BorWin2 sowie DolWin2 und HelWin-2. MC hält jeweils 49 Prozent und investierte insgesamt 576 Millionen Euro.

In Großbritannien ist der Konzern nach dem anteilsmäßigen Erwerb der Netzanbindung des weltgrößten Hochsee-Wind­parks „London Array" im September eben­falls an vier Leitungen beteiligt. Insgesamt verfügt er damit nach eigenen Angaben in Europa über 900 Kilometer Leitungen mit einer Kapazität von vier Gigawatt.

Mit weiteren Zukäufen ist zu rechnen. „MC wird seine Präsenz im Offshore-Übertragungsleitungsgeschäft weiter ausbauen, unter besonderer Berücksichtigung neuer Projekte in Europa", teilte das Unternehmen in einer Pressemitteilung zur Tennet-Zusammenarbeit mit.

In den Niederlanden baut MC zusammen mit dem Energieversorger Eneco den Offshore-Windpark Luchterduinen. Die beiden Firmen wollen auch beim bereits bestehenden Eneco-Windpark Prinses Amalia zusammenarbeiten und haben eine langfris­tige strategische Partnerschaft im europä­ischen Oflfshore-Geschäft vereinbart.

Erklärtes Unternehmensziel der Mit­subishi Corporation ist es, das Erneuer­bare-Energien-Geschäft weltweit auszubau­en. Sie ist in allen großen Märkten präsent. Sie produziert Solarzellen in Taiwan und Biopellets in Deutschland, betreibt Wind­farmen in Thailand und den USA, beför­dert die Geothermie in Island und die Solarthermie in Spanien.

In der Photovoltaik legt das Unterneh­men seinen Europa-Schwerpunkt auf die südlichen Länder Italien und Frankreich. In Italien, das weltweit den zweitgrößten Solarstromanteil aufweist, kaufte MC im März in einem neu gegründeten Joint Ven­ture die Solarfirma Solar Holding. Sie soll Marktführer in Italien werden. Zudem hält MC Anteile an Solarfarmen in Frankreich und Portugal. Die Geschäfte zur Stromer­zeugung in Europa und im Nahen Osten bündelt MC weitgehend in der hundert­prozentigen Tochterfirma Diamond Gene­rating Europe mit Sitz in London.

Während in Europa derzeit noch der größte Wachstumsmarkt für erneuerbare Energien gesehen wird, rechnet MC „in na­her Zukunft" auch mit zunehmenden Stei­gerungsraten in Nordamerika und Asien und will auch diese Märkte erobern.

EIN NAME, HUNDERTE UNTERNEHMEN

Mitsubishi-Familie

Es gibt kein Unternehmen namens Mitsubishi, aber mehrere hundert Unternehmen, die Mitsubishi im Namen tragen, sowie weitere, die ohne den Markennamen dazugehören. Insgesamt waren es im Oktober 654 Unternehmen. Der Ursprung der Grup­pe geht auf eine 1870 in Japan gegründete Reederei zurück. Da­raus entstand ein Großkonzern mit zahlreichen Geschäftsfeldern, unter a­nderem Bergbau, Bankwesen und Handel. 1950 wurde der Konzern zerschlagen. Die einzelnen Unternehmen, die heute un­ter der Marke Mitsubishi firmieren, sind rechtlich und wirtschaft­lich voneinander unabhängig. Sie folgen jedoch der gleichen Un­ternehmens-Philosophie und kooperieren in gemeinnützigen Bereichen. Zu den weltweit bekannten Mitsubishi-Unternehmen gehören der Autobauer Mitsubishi Motors, der Elektrogeräte-Hersteller Mitsubishi Electric und das Fototechnik-Unternehmen Nikon. Auch Mitsubishi Heavy Industries und Mitsubishi Corpora­tion sind Teil des Markensystems.

www.mitsubishi.com/e/group/about.html

Mitsubishi Heavy Industries

Mitsubishi Heavy Industries (MHI) ist einer der größten Schwerindu­strie-Produzenten der Welt. Hauptsitz des weltweit aktiven Un­ternehmens mit rund 68000 Mitarbeitern ist das japanische To­kio. MHI baut unter anderem Schiffe, Flugzeuge, Kraftwerke, Chemiewerke und Industriemaschinen. Seit einer Umstruktu­rierung im Oktober fasst der Konzern seine Aktivitäten in vier Geschäftsbereichen zusammen. Erneuerbare Energien sind Teil des Geschäftsbereichs Energie und Umwelt.

www.mhi.co.jp/en/index.html

Mitsubishi Corporation

Der Weltkonzern mit Hauptsitz in Tokio war ursprünglich ein Handelsunternehmen, operiert jedoch heute in so verschiedenen Branchen wie Finanzen, Energie, Chemie und Nahrungsmittel. Zum Mitsubishi Corporation (MC) Firmenverbund, der in 90 Ländern vertreten ist, gehö­ren 627 Unternehmen mit knapp 66000 Mitarbeitern. www.mitsubishicorp.com/jp/en/about/


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